Werk

Letztes Abendmahl, 1983 © Foto: faksimile digital, Birgit und Peter Kainz

Letztes Abendmahl, 1983 © Foto: faksimile digital, Birgit und Peter Kainz

Hermann Nitsch

Werk

Das Gesamtkunstwerk des Orgien Mysterien Theaters und seine Disziplinen

Orgien Mysterien Theater

Bereits zur Mitte der 1950er-Jahre wurde von Hermann Nitsch die Grundidee des Orgien Mysterien Theaters entwickelt. Sämtliche Disziplinen dieses Gesamtkunstwerks mit Totalitätsanspruch, die im Folgenden summarisch skizziert werden sollen, gehen auf die 1950er und 1960er-Jahre zurück und sind von Beginn an in einem Gesamtkonzept verankert.

"Die Anfänge des Orgien Mysterien Theaters liegen im Literarischen und Sprachsinnlichen." Der Künstler artikuliert die Idee seines Gesamtkunstwerks vorerst in einer Wortdichtung, er schreibt ab 1956, beeinflusst durch die griechischen Tragödien, durch Georg Trakl, den deutschen Expressionismus, den französischen Symbolismus, Stephan Georges, James Joyce und die Surrealisten, an einem Drama, das sechs Tage dauern sollte. Hermann Nitsch ersinnt "eine art komprimiertes urdrama", das die in den Mythen überlieferten Konflikte und Katastrophen zusammenfassen soll. "der oedipusstoff wurde ebenso verarbeitet wie der nibelungenmythos, die atridensage, die tötung des sonnenhelden und die katastrophe des kreuzes." Dieses Werk bleibt jedoch unvollendet. Nach zwei Jahren erkennt der Künstler, dass die Sprache nicht ausreichend in der Lage ist, die geforderte Tiefe und überzeugende Gefühlsintensität zu vermitteln und verlagert seine Ausdrucksebene in andere Bereiche. Er geht dazu über, mit realen Substanzen – wie Milch, Essig, Wein, Blut oder Fleisch, die sinnliche Sensationen des Riechens, Tastens und Schmeckens auslösen – zu arbeiten, die ihm geeigneter scheinen, den sinnlich-intensiven Vorstellungen zu entsprechen. In der Inszenierung derartiger realer Geschehnisse löst sich die Kunst von der Aufgabe der Abbildung und Darstellung – wie im 20. Jahrhundert allgemein angestrebt und speziell in den 1960er-Jahren in Happening, Performance und Aktionismus wiederzufinden. Die Kunst überschreitet die Grenze zu Leben und Wirklichkeit, Kunst und Leben werden eins. In Realzeit wird sinnliche Wirklichkeit erfahren. Das tatsächliche Erleben ersetzt das Literarische und führt zum Verzicht auf Sprache. "nicht die sprache (sprachliches assoziieren) lotet in die tiefe, sondern durch aktionen bewirktes ekstatisches sinnliches erleben in richtung triebdurchbruch wird verdrängtes aufdecken", erkennt Hermann Nitsch.

Um 1960 verlässt der Künstler die herkömmliche Darstellungsebene des Bildes und die klassische Form des Theaters. Er versucht die Darstellungsmittel auf das Elementare und Ursprüngliche, auf das rein Stoffliche zurückzuführen – die Sprache auf den Schrei, die Musik auf den Laut bzw. das Geräusch, die Malerei auf das Verschütten von Farbe. Vom Wort wechselt er zur Tat und von der Darstellung zum Material. Er sucht Realität statt Theater und findet zur orgiastischen Aktion, deren Gegenstand die Wirklichkeit und das Leben selbst ist – mit all seinen positiven und negativen Aspekten, vergleichbar dem „Theater der Grausamkeit“ von Antonin Artaud, auf das Nitsch selbst hinweist. Damit gelingt dem Künstler nicht nur eine nachhaltige Erweiterung der bildnerischen Mittel, sondern zugleich auch eine "theatralisch-dramatische Expansion der Kunst".

Auf der Basis des Dramas, der Psychologie Sigmund Freuds und der Philosophie Friedrich Nietzsches entwirft Hermann Nitsch ab 1960 ein "dramaturgisches Abreaktionsmodell". Die leitmotivischen Figuren des Abreaktionsspiels des Orgien Mysterien Theaters sind Dionysos, der zerstörerische Fruchtbarkeitsbringer, der das Urprinzip des Daseins verkörpert, und Christus, der sich in Liebe aufgeopfert hat. Die Dionysos-Zerreißung gilt als Vorbild der Passion am Kreuz, beide sind Hauptleitmotive des Orgien Mysterien Theaters. Dazu kommen die Blendung des Oedipus, die Entmannung des Atis, der rituelle Königsmord, die Totemtiertötung, die Totemtiermahlzeit. Das Thema ist das Sein selbst – Geburt, Leben, Sterben, Wiedergeburt. Mythos und Ritual sind die Werkzeuge. Hermann Nitsch greift die Opferrituale in seiner Kunst auf und vollzieht sie nach. Im Abreaktionsspiel, in der Zerreißung des Lamms als Opferersatzhandlung, kommt es zu einer unmittelbaren Verbindung von mythischem Kult und christlicher Religion. Der Künstler und die Beteiligten nehmen in diesem Zusammenhang die Stellvertretung der leidenden Menschheit ein, die, über die Rückholung des Verdrängten im Ritual, erlöst werden sollte. Dabei reicht der sinnliche Erlebnisbogen vom Sinnenrausch, dem orgiastischen Exzess, der Ekstase, bis zur Meditation und führt zu Bewusstwerdung und Katharsis. Essentiell dabei ist die Form. "Die Form ist von tiefer metaphysischer moralischer ethischer Qualität." Durch sie können die negativen und destruktiven Impulse in der Abreaktion kanalisiert werden. (Aus diesem Grund werden vom Künstler immer exakte, verbindliche Partituren mit strikten Regieanweisungen entworfen.) In den Abreaktionsriten des Orgien Mysterien Theaters, in denen reale Handlungen inszeniert werden, die die Beteiligten einer tiefen Seins-Erfahrung aussetzen, soll Verdrängtes und Verschüttetes zutage gebracht, kanalisiert und abgeleitet werden. Das Orgien Mysterien Theater ist "Grundexzesserlebnis und Auferstehungsfest, sadomasochistische Ausschweifung und Katharsis, brutale Zerstückelung und harmonisierende Synthese, Beschwörung des Mythos als zusammengezogenes Weltbild und psychoanalytische Therapie. Aller Abstieg ins Perverse, Unappetitliche geschieht im Sinne einer heilenden Bewusstmachung." Die Steigerung des Ekels und des Grauens, das Überschreiten aller Grenzen und Tabus sollte letztlich zu einer  Lebensbejahung, die über Leben und Tod hinaus geht, führen, das Sein sollte in seiner Ganzheit und Tiefe erfasst werden.

Aktionsmalerei

Die Malerei des Orgien Mysterien Theaters begründet sich auf der Basis der informellen Kunst. Der Tachismus, als Möglichkeitsform, dem Unbewussten in einem sinnlich-erregten Produktionsvorgang Form zu geben und Ausdruck zu verleihen, sowie sein dramatisch-dynamisches Potenzial, ist die Grundlage der Aktionsmalerei, dem exzessiven Schütten von Farbe auf senkrechte oder waagrechte Leinwände, das Nitsch selbst als „visuelle Grammatik des Aktionstheaters auf einer Bildfläche“ beschreibt. Die elementare sinnliche Erregung der Malerei, hervorgerufen durch das Verschütten, Verspritzen und Verschmieren von Farbe, entspricht jener der Aktionen mit Fleisch, Blut und Eingeweiden, und sie scheint ebenso geeignet zur Abreaktion verdrängter Wünsche und Triebe wie diese. Die Malaktionen (vor Publikum ab dem Jahr 1960) mit ihren zeitlichen, ekstatischen Abläufen sind die Vorläufer zu den eigentlichen theatralischen Aktionen, in denen die bildnerischen Mittel dann durch reale substituiert werden. Der Malprozess steigert sich in seiner Intensität zur Aktion, die Bildfläche wird durch die Wirklichkeit ersetzt. 1962 wird erstmals in einer Malaktion Blut geschüttet und ein getötetes Lamm gekreuzigt. 1963 findet die erste öffentliche Aktion statt. Mitte der 1960er-Jahre verdrängt das Aktionstheater die Malerei gänzlich, die erst wieder viele Jahre später, als eigenständige Gattung, neu etabliert wird. Seit 1963 werden anstatt der Malerei, die scheinbar vollkommen im Orgien Mysterien Theater aufgegangen ist, die RELIKTE der Aktionen zu künstlerischen Objekten verwandelt. Die Stoffe und Gewänder, gezeichnet von den Vorgängen der Aktion, befleckt und besudelt, gelten als authentische Dokumente des Geschehens, sie konservieren die Handlungen und ihre Spuren und erhalten ihre Aktualität über die Zeit. Systematisch gesammelt werden die Aktionsrelikte – Tücher, Hemden, Bahren – vom Künstler seit 1968. Ein Jahr danach integriert Hermann Nitsch auch Messgewänder der christlichen Kirche in die Aktionsmalerei. Später weitet der Künstler diesen Gedanken auf die eigenen, getragenen Malhemden – als wahres Zeugnis des (rituellen) Ereignisses – aus.

Im Jahr 1983 nimmt Hermann Nitsch nach zwanzig Jahren die Malerei wieder auf – und zwar freudvoll, intensiv, spontan und unbekümmert wie nie zuvor – und erkennt, ganz gegen die Praxis der vergangenen zwei Jahrzehnte, die wechselseitige Notwendigkeit von Malaktion und Aktion des Orgien Mysterien Theaters. Seither werden Malaktionen periodisch wiederkehrend durchgeführt. Diese zweite Phase des Malens ist u. a. gekennzeichnet durch die Verwendung bunter Farben (seit etwa 1989) – vorerst immer noch monochrom angewandt, später kombiniert. Ist es lange ausschließlich die Farbe Rot – die intensivste Farbe überhaupt, die Leben und Tod bezeichnet, Sinnbild des Feuers, der Liebe, des Fleisches, des Blutes –, gefolgt von Schwarz, derer sich der Künstler im malerischen Werk bedient, so öffnet sich die Arbeit in den 1990er-Jahren einem  größeren Spektrum, vor allem werden – neben Gelb – die liturgischen Farben Violett, Blau, Grün und Weiß zum Einsatz gebracht. Ihre Wirkung und symbolische Bedeutung wird bewusst im malerischen und aktionistischen Werk eingesetzt.

Die exzessive, subjektive und unmittelbare Malarbeit ist jeweils anderen pragmatischen und inhaltlichen Voraussetzungen unterworfen und verschiedenen Problematiken gewidmet und zeitigt dem entsprechend unterschiedliche bildnerische Resultate. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit dem Substanzwert der Farbe, der vom flüssigen bis zum pastosen Zustand variiert. Die Farbe wird geschüttet, gespritzt, gepinselt oder mit der bloßen Hand verschmiert – in ihr „wühlt“ der Künstler gleich in den Eingeweiden der Tiere. Informelle Geste und aktionistische Wirklichkeit verbinden sich.
 
Parallel zu den Malaktionen entstehen selbstständige Einzelbildwerke, im standardisierten Format von zwei mal drei Metern, wie etwa die "Kreuzwegstationen", die im Gegensatz zu den Ergebnissen der frühen Malaktionen, die auf Papier hergestellt und vernichtet werden, erhalten bleiben. Später arbeitet Hermann Nitsch auch an mehrteiligen Bildzyklen – häufig markiert durch die zentrale Applikation eines Malhemdes, das als Relikt der Aktion gleich einem befleckten Opfergewand zu interpretieren ist. In den 1990er-Jahren werden die Zyklen variabel, die Werke sind nicht mehr so stark an ein Konzept gebunden. Die Malerei wird als selbstständige Gattung freier betrachtet, das Einzelwerk ist autonomer. Dennoch ist die Malerei für Hermann Nitsch immer "Einleitungsformel, eine Meditationsformel in Richtung zum orgiastischen Geschehen des dramatischen Exzesses […] Die Malerei soll unser Empfinden zu tiefer und intensiver sinnlicher Registrierung öffnen."

Fotografie und Film

Ebenso wesentlich für das Orgien Mysterien Theater wie die Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Musik ist die Fotografie bzw. der Film. Die Aktionen von Hermann Nitsch werden von Anfang an medial begleitet bzw. sie wurden überhaupt unter Ausschluss eines Publikums als pure Fotoaktionen durchgeführt – so erstmals 1963. Wichtig war dem Künstler, dass die Aufnahme dem Werk verpflichtet ist, zwar neutral, aber in einem entsprechenden Blickwinkel durchgeführt wird, sodass die Abbildungen das Anliegen des Gesamtwerks widerspiegeln.

Grafik

Auch die zeichnerischen und druckgrafischen Arbeiten stehen in untrennbarem Zusammenhang mit dem Gesamtwerk und sind unmittelbare Werkteile. In den 1960er- und 1970er-Jahren ist das Schaffen von Hermann Nitsch vor allem durch die Aktionskunst bestimmt, die Grafik, besonders die Architekturzeichnung, die seit 1964 ausgeführt wird, hat einen untergeordneten Stellenwert. Aus den 1970er-Jahren kennt man lediglich zwei monumentale zeichnerische Werke – Die Eroberung von Jerusalem von 1971 und Das letzte Abendmahl von 1976/79 –, die Jahre später, 2008 bzw. 1983, als Druckgrafiken umgesetzt werden.

Die Zeichnung, ursprünglich, in den 1950er-Jahren, ein dienendes Mittel, das frühen Studien- und Skizzenblättern zu religiösen Themen sowie Formulierungen von informellen Kritzeleibildern dient, dann ein rein pragmatisch-praktisches Verfahren ist, das als Ergänzung zu den Partituren, die im Bereich der Komposition ab 1958 entstehen, angewendet wird, avanciert sehr schnell zum eigenständigen Mittel, ist mehr als bloß Konzept, Abbildung oder Skizze und wird schlussendlich Selbstzweck und unabhängig von der Malerei vorangetrieben – in der Druckgrafik allerdings verbinden sich beide.

Hermann Nitsch besuchte in den 1950er-Jahren die Graphische Lehr und Versuchsanstalt in Wien, die er 1957 mit dem Diplom beendet. In dieser Zeit erwirbt der Künstler Fertigkeiten, die als Grundlage für das umfangreiche und diffizile druckgrafische Werk gelten, das reich an technischer Raffinesse und Besonderheiten ist, die vom Künstler und seinen Partnern nicht zuletzt speziell für die eigene Arbeit erfunden werden. Bezeichnend ist auch in diesem Bereich die Intensität, die sich hier im Umfang und Arbeitsaufwand äußert, und der Hang zum Monumentalen sowie zum Visionären, der sich in Resultaten zeigt, die weitab herkömmlicher Druckerzeugnisse liegen, was die Dimension, die Technik und die Qualität betrifft. Das Druckverfahren und die Bearbeitung der Blätter sind dermaßen aufwändig und häufig auch kompliziert, dass die Ergebnisse kaum mit klassischer Grafik verglichen werden können. Selbst wenn man bei Hermann Nitsch von einer Auflage spricht, handelt es sich dennoch stets um manuell gestaltete, unikale Einzelwerke – Nitsch benennt sie als "Unikatgrafik".

Hermann Nitsch arbeitet seit den 1980er-Jahren im druckgrafischen Bereich und erzeugt ein umfangreiches OEuvre. Die Basis der Drucke bildet die Architekturzeichnung, sie ist Ausgangspunkt und Motiv für den Großteil der editierten Grafiken. In Kooperation mit dem Münchner Galeristen und Verleger Fred Jahn sowie dem Drucker Karl Imhof wird in den Jahren 1984 bis 1991 das Projekt Die Architektur des Orgien Mysterien Theaters, ein Gesamtkonvolut aus vier Mappen mit Direkt-Lithografien, mit über 3300 Einzelblättern, produziert, das im Zentrum des grafischen Gesamtwerks steht. Der Inhalt bezieht sich, wie aus dem Titel hervorgeht, auf die Vision einer unterirdischen Stadtarchitektur für „die heiligen Handlungen“ des Orgien Mysterien Theaters, gleich einem Gralstempel – die sich in ein weitläufiges System aus verschlungenen Gängen und  Räumen gliedert, die sowohl aus abstrakten geometrischen Anlagen wie aus organischen, menschlichen Körperformen gebaut sein kann –, die (in Prinzendorf), analog zur Auslotung tiefer psychisch-seelischer Seinsschichten, in sechs Stockwerken, in den „Eingeweiden der Erde“, in "uteraler Dunkelheit", tatsächlich in die Tiefe gebaut werden sollte. Neben Einzelblättern beinhalten die Mappen bemerkenswerte große Faltpläne mit den Maßen von 140,5 x 225,5 und 240 x 310 cm.

Seit 1991 arbeitet Hermann Nitsch mit Kurt Zein zusammen. Diese Periode ist gekennzeichnet durch die beeindruckende Erweiterung der drucktechnischen Möglichkeiten, die sich selbstverständlich gravierend auf die Ergebnisse niederschlagen, die in einem aufwändigen Prozess von etlichen Bearbeitungsschritten hergestellt werden. So wird z. B. auf Originalen gedruckt, auf Büttenpapier, auf Blättern, die einzeln mit Blut beschüttet oder aktionistisch bemalt wurden; die Farben werden im Druckverfahren blattweise verändert, immer präzise abgestimmt, etliche  Platten werden in komplizierten Verfahren übereinander gedruckt. Arbeiten wie Das letzte Abendmahl, 1983, Die Eroberung von Jerusalem, 2008, oder Die Grablegung, 2008, sind auf solchen Originalrelikten gedruckt. Das jüngste monumentale Werk im Bereich der Grafik ist das großformatige, hebräisch-deutsche Kunstbuch LEVITIKUS, das Hermann Nitsch gemeinsam mit dem Verleger Har-El in einer Auflage von 16 Stück herausgegeben hat und das sich auf das dritte Buch Mose bezieht, das über die Opferriten im Tempel von Jerusalem berichtet. Dem Werk beigelegt sind zwölf Terrigrafien, Siebdrucke mit Sand, deren materiale Oberflächenstruktur sich an die Beschaffenheit der Schüttbilder annähert.

Farbskalen

Die Farbe spielt im gesamten künstlerischen Werk von Hermann Nitsch grundsätzlich eine zentrale Rolle. Sie stellt einen sinnlich-bildnerischen Wert dar, der in seiner Aufgabe und Wirkung im Werkzusammenhang nicht zu unterschätzen ist. Ihre symbolischen, sinnlichen, expressiven und assoziativen Qualitäten stellen sich insbesondere in den Dienst des spezifischen künstlerischen Anliegens.

In den Farbskalen hingegen geht es um eine diesbezügliche Objektivierung der Sinneswahrnehmung. Ende der 1960er-Jahre konzipiert Hermann Nitsch erstmals eine Farbenlehre des Orgien Mysterien Theaters. In individuellen Farbskalen wird die wechselweise Wirkung der Farben untersucht und es werden den Tönen bestimmte akustische Klänge zugeordnet. Von 1979 bis 1981 und 1989 bis 1991 erteilt Hermann Nitsch an der Städelschule in Frankfurt am Main, wo er von 1989 bis 2003 eine Professur inne hat, Kurse für Farbübungen. Die Intention ist, den Studierenden ein unbelastetes Verhältnis und einen neutralen Zugang abseits klassischer Wahrnehmungsmuster zu den Farben und im Umgang mit Farbe zu vermitteln, mit dem Ziel der „reinen Freude am farbigen Gestalten“. Die Farben sollen, gegen alle herkömmlichen Schemen, intuitiv-emotional empfunden werden.

Hermann Nitsch erarbeitet ein System umfangreicher Farbskalen, in denen einzelne Farbtöne, die sich gegenseitig in ihren Wirkweisen  verstärken, harmonisch zu ausgewogenen farbigen Konstellationen aneinander gereiht werden. Wie immer im Werk des Künstlers, gibt es auch hier Rahmenbedingungen, Konzepte, Anweisungen und Aufgabenstellungen, sozusagen eine Dramaturgie, die die Strategie und den Wirkungsradius des bildnerischen Tuns definiert. Innerhalb dieser Vorgaben ist das Agieren frei, bloß sinnlich, instinktiv angeleitet, die Rezeption soll synästhetisch erfolgen. Die Farben können als Töne, Formen, Geruchs- oder Geschmackswahrnehmungen gelesen werden oder auch ein Gemeinsames, eine Einheit der Sinnesempfindungen, bilden.

Musik

Vor allem das Zusammenspiel von Farbe und Ton – ihre Harmonie oder Dissonanz – ist im Werk von Hermann Nitsch wesentlich. Diese Verschränkung bildet sich auch in den Partituren ab – in den handschriftlichen (Regie-)Anleitungen der Aktionen, die der Künstler ebenfalls bereits seit den 1960er-Jahren niederschreibt –, in denen tonale Notationen fallweise auch durch Farblinien ersetzt werden können. In der Musik kommt es ebenso wie in Nitschs Farbenlehre rein auf den Klang des Tons und den Zusammenklang, die Harmonie der Töne, an. Melodie und Rhythmus sind obsolet. Es geht um die Überwindung klassischer musikalischer Kategorien zugunsten einer exzessiv-expressiven Ausdrucksform, die das intensive, ekstatische Grundmotiv akustisch mitträgt.

Seit den 1970er-Jahren, seit die Aktionen bzw. Feste im Schloss Prinzendorf stattfinden, ist auch die Musik ein wesentliches integratives Mittel des Orgien Mysterien Theaters. Sie ersetzt, in ihrer archaischen Grundform, als Geräusch, als Schrei, als Lärmerregung, gewissermaßen die Sprache. Sie erzählt bzw. beschreibt nicht, sondern ist reales Ausdrucksäquivalent. Sie entsteht aus der tatsächlichen, momentanen Erregung in der Aktion und gleichzeitig intensiviert sie diese. Lärmorchester, Schreichöre und traditionelle Blasmusik, elektronisch verstärkt, begleiten die Aktionen und forcieren ihre Intensität. "Eine orgiastische Musik soll uns in den Zustand der Seinsfindung versetzen", postuliert Hermann Nitsch.

- Christine Wetzlinger-Grundnig
aus dem Ausstellungskatalog Hermann Nitsch. Das Gesamtkunstwerk des Orgien Mysterien Theaters und seine Disziplinen, MMKK, Klagenfurt, 2012, S. 62-70.

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